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Carla Ihle-Becker: Wunderwelt der 10 000 Knöpfe Mühlenfest ohne Mühle zeigt außergewöhnliche Sammlung
STUMPERTENROD. Weniger ist häufig mehr: Wenn die 400 Einwohner des Feldataler Ortsteils Stumpertenrod im Vogelsberg am kommenden Sonntag, 19. August, zum vierten Mal ihr Mühlenfest begehen, fehlt vieles, was andernorts beim Feiern unverzichtbar zu sein scheint. Zwar gibt es in der Kerngemeinde mehrere Mühlen, nicht aber in Stumpertenrod. Aus diesem Manko wurde flugs eine Kuriosität, das "originelle Mühlenfest ohne Mühle".
Zwar sei mancher Einheimische nächst skeptisch gewesen ("Wer will dann do komme?"), erinnert sich einer der Initiatoren. Mittlerweile erfreut sich das dörfliche Spektakel aber allgemeiner Beliebtheit - und wurde "schon immer" befürwortet ("Hab ich doch glei gewusst, dass des was werd!"). Traditionell laden die Stumpertenröder gleich alle Verwandten, Freunde und Bekannten zum Mitfeiern ein: ein Aufwasch. Bis ins Ruhrgebiet hat sich die Attraktion herumgesprochen - und auch "handverlesene Frankfurter" sind herzlich willkommen.
Die eigens für das Fest angefertigten Marktstände nach historischem Vorbild sind ausschließlich Vogelsberger Produkten vorbehalten. Von den einheimischen Händlern wird keine kommerzielle Ware offeriert, sondern Handwerk und Kunst aus eigener Herstellung. Tongeschirr, Drechselarbeiten, Garnteppiche, Leinen und Spitzen, Schmuck, Korbwaren, Rechen und Besen, handgestrickte Strümpfe aber auch antiquarische Bücher zum Kilopreis von sechs Mark und Kunst regionaler Meister in Form von Zeichnungen, Grafiken, Aquarellen und Gemälden werden feilgeboten.
Statt Pommes, Crêpes und Döner gilbt es Original Vogelsberger Obstkuchen vom Blech und die Spezialität Salzekuchen sowie Haxen aus dem dörflichen Backhaus, Spanferkel vom Grill, Hausmacher Wurst, Käse und Brot. Festplatz ist das gesamte Dorf, Höfe, Scheunen und Ställe sind geöffnet und laden zum Feilschen und Feiern ein.

Die handbeschriftete Musterkarte mit Beinknöpfen und Ringen ist eines von mehr als 600 Exemplaren, die - auf Stroh gebettet - im Pferdestall von Stumpertenrod zu sehen sein wird. Bei der außergewöhnlichen Sammlung handelt es sich um Produkte einer Frankfurter Knopfgroßhandlung aus den Jahren 1880 bis 1950. Nach dem Mühlenfest im Vogelsberg wandert die Kollektion ins Historische Museum Frankfurt. Was dort nicht gebraucht wird, steht bei der Veranstaltung am Sonntag zum Verkauf.
Lesungen mit alter und neuer Literatur aus dem Vogelsberg, Lyrik und Kurzprosa fanden schon während der vergangen vier Mühlenfeste ihr Stammpublikum. Theatralische und musikalische Darbietungen beleben die Dorfstraße und die ausgeräumten Scheunen. Eine außergewöhnliche Sammlung ist in Hottmanns renoviertem Pferdestall neben dem Dorfladen zu sehen: 10 000 verschiedene Knöpfe dem Nachlass einer Frankfurter Knopfgroßhandlung, die von 1880 bis 1950 die dekorativen Verschlüsse vertrieb. Auf handbeschrifteten Musterkarten aufgenäht bebildern die ungezählten Farb- und Formvarianten eine besondere Kulturgeschichte des Knopfes. Aus Glas, Leder, Kunststoff, Bein, Büffel- und Hirschhorn, Bakelit, Agat, Steinnuss, Stoff, Garn, Holz, Metall, Perlmutt und anderen Muscheln, die heute unter Artenschutz stehen, finden sich vom Hut- und Kragenknopf bis zum Schuhverschluss die eigenwilligsten Formen - Uniformknöpfe für arabische Staatn, Jagdknöpfe mit Landeswappen, ausgesägte und bemalte Segelschiffe, Posamentenknöpfe bis fünf Zentimeter Durchmesser oder zierliche Millefiori-Knöpfchen. Doppelte Exemplare, geprägte Portionsschachteln, Musterkarten und Knopfbriefchen stehen nur am Sonntag exklusiv zum Verkauf. Von der kulturhistorischen Bedeutung dieser Sammlung inklusive handgeschriebenen Geschäftskorrespondenz überzeugte sich mittlerweile auch die Leitung des Historischen Museum Frankfurt, das das gesamte Inventar nach dem Mühlenfest übernimmt.
Frankfurter Rundschau, Freitag, 17. August 2001
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